Offener Brief an Vorstand und Vertreterversammlung der KVH

Hamburg im Februar 2014

 

Offener Brief an den Vorstand der KV Hamburg und die Vertreterversammlung der KVH

 

Sehr geehrter Herr Plassmann, liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir konnten am 15. Januar einer durchaus denkwürdigen Veranstaltung beiwohnen. Wir durften dabei sein, zuhören und zusehen wie uns erklärt wurde, wie es dazu kam und kommen musste, dass Hamburger Hausärzte eine aussterbende Spezies sind und natürlicherweise das Schlusslicht bei der Honorierung ihrer ärztlichen Leistungen, sowohl in Hamburg, als auch in der Republik sind. Dies hat Herr Bollmann, in seiner längsten, je von mir gehörten Rede, mit erschreckender Klarheit deutlich gemacht. Selbst schuld! Die Deppen der Hausarztfraktionen in Hamburg und in der KBV haben es vielleicht anders gewollt, aber die Karre halt selbst an die Wand gefahren. Das war keine Rede für uns, die wir doch auch Teil dieser KV sind. Uns fehlt eben immer noch der innovative Drive, der unseren spezialärztlichen Kollegen zu “gerechteren” Honoraren verhilft. Die Honorarverteilung in Hamburg spiegelt sich deutlich in den Mehrheitsverhältnissen in der Vertreterversammlung wieder. Und das sind sehr klare Verhältnisse, die sich ebenso klar im Abstimmungsverhalten manifestieren. Innerärztliche Solidarität versus Spaltung der Ärzteschaft, immer gehen die Blicke zu uns und auch die Vorwürfe sollen uns treffen. Aber wer spaltet hier wirklich???

Da sitzen, hufeisenförmig zum Vorstand hin geöffnet, unsere Vertreter und lassen es sich ,mehr oder weniger , schmecken. Die Freude über die grosse Beteiligung der Basis ist zumindest verbal bei allen gross, verliert sich aber bei den meisten schnell. Ausnahme Lothar Späth, der, wie immer lächelnd und mit bekannter Eigendynamik seinen Raum einnahm. Ein energischer Mann. Die Mühen der Ebene sind ihm nicht anzumerken. Nahezu spielerisch läuft die Politik auf dieser Seite des Hufeisens.

Gegenüber eine Handvoll Hausarztvertreter mit einem Anliegen an die Versammlung, mit unserem Anliegen. Aber Demokratie kann so kalt sein, manchmal auch eiskalt, wie an diesem 15. Januar. Vertagt ! Weichgespülte Anträge werden angenommen, wieder nichts für uns. Aber da sind 200 Leute im Saal und draussen in Hamburg noch viel mehr!

Das weiss Lothar Späth genau und wenn er auch nicht für uns durchs Feuer geht, sagt er doch was nötig ist. Aufstehen,sich wehren, die eigenen Interessen selbst in die Hand nehmen!!! Ja. Dafür wenigstens ,danke! Nichts davon bei seinen Alliierten. Es war schon erschreckend zu hören, mit welcher Blasiertheit Kollegen auf ihre vermeintliche Wichtigkeit und die ihrer aufgeblasenen Geräteparks verweisen, wenn sie herablassend über unsere Arbeit reden. Nur soviel zu Herrn Bollkämper und seiner Versorgungstiefe.

Ich will hier reden von den offenbar unterschiedlichen Lebensentwürfen, vom Gelingen und vom Scheitern. Da hat Herr Späth zum Beispiel gnadenlos alles richtig gemacht und es damit zum wohlhabendsten und mächtigsten Hamburger “Hausarzt” gebracht. Viele meiner Kollegen und auch ich haben versucht und versuchen es noch, in dieser Stadt einfach Arzt zu sein, nah an unseren Patienten, ihren Nöten, Ängsten, Gebrechen, auch nah an ihrem Sterben, schlicht mit ihnen zu sein.

Hausarzt jeden Tag heisst, 60 bis 100 Kontakte täglich, keine Zeit für Kaffeepausen, oft nicht einmal zum Pinkeln, geschweige denn für paramedizinisches Geldverdienen.

Ich will wirklich nicht jammern, aber der Alltag mit unseren Patienten ist mühselig und beladen, zudem überfrachtet mit sinnentleerter Gängelei und Bürokratie. Dies alles zu Preisen, die nicht einmal mehr lächerlich zu nennen sind! Aber das wissen Sie ja alle. Und Sie wissen auch, das das alles gut und richtig ist, weil formal nicht zu beanstanden, ordentlich beschlossen und in allen Gremien abgesegnet .

Uns dagegen tut es weh! Es schmerzt im Kopf, Bauch und in den Gliedern. Wir sterben so langsam dahin und ihr seht es mit Wohlgefallen, seid eher Sterbehelfer als Lebensretter! Wir haben anderes erwartet,Verständnis für unsere Not und Hilfe von Euch. Wie dumm von uns….

Mir träumt, ihr werdet künftig allein bleiben in euren Zirkeln, KV Versammlungen, mit Euren Wichtigkeiten und Eurem Geld.

Wir dagegen werden womöglich weiter langsam sterben, dies aber laut, kreativ und mit viel Phantasie für’s Überleben. Unsere Patienten werden uns durch die kommenden Stürme tragen.

Ihr seid eingeladen, dabei zu sein und vielleicht bleibt sogar noch ein Platz für Euch……

Wir haben gerechnet . Uns reicht es nicht zum Leben und noch nicht zum Sterben.

Jetzt müsst ihr mit uns rechnen!!!!

 

Mit Respekt und durchaus kollegialen Grüssen

 

bin ich Ihr

 

Klaus Togler (Barmbeker Hausarzt)

 

und hoffentlich bald, viele Andere mehr

 

Ich schliesse mich an und unterzeichne:

Name:

Praxis:

Warum haben Sie sich denn ausgezogen?
Ach so,stimmt ja! Ich bin ja der Arzt!

Hausärztliche Versorgung in Hamburg immer mehr gefährdet

In den Hamburger Hausarztpraxen rumort es.

Seit Jahren schon kämpfen die Hausarztpraxen in Hamburg um ihr Überleben . Das klingt für viele Ohren vielleicht etwas dramatisch, weil wir ja nach wie vor funktionieren. Dieses Funktionieren geschieht aber zunehmend auf Kosten unserer Familien und unserer Gesundheit und dies ist auf Dauer nicht tragbar und machbar.

Unsere Patienten erleben täglich in ihren Hausarztpraxen wie sich Ärzte und Assistenzpersonal mühen, ihren Ansprüchen gerecht zu werden, ihre medizinische und psycho-soziale Versorgung so gut wie nur möglich nicht nur sicher zu stellen, sondern, wenn machbar, auch noch zu verbessern. Dies geschieht noch immer losgelöst von der eigenen “Versorgungssituation”, die hier in Hamburg inzwischen katastrophale Ausmaße angenommen hat.

Wie sicher schon dem einen oder anderen aufgefallen sein wird, nehmen die Patientenzahlen in den sogenannten Versorgerpraxen stetig zu. Der Bedarf an wohnortnaher Betreuung,  an Hausbesuchen und zeitnaher,  kompetenter medizinischer Behandlung wird immer grösser und verteilt sich auf immer weniger Hausarztpraxen. Das heisst zunehmende Patientenzahlen und zunehmender Beratungs-und Behandlungsbedarf treffen auf zunehmend weniger und dafür aber mehr und mehr überlastete Hausärzte, die so eine qualitativ hohe medizinische Versorgung, wie man sie bisher gewohnt war, nicht mehr leisten können. Wir sehen volle Praxen, lange Wartezeiten, immer weniger Zeit für Hausbesuche, Personalabbau und Investitionsstaus.

Warum ist das so?

Nun, da ist einmal die finanzielle Situation der hausärztlichen Praxen zu nennen. Hausärzte leisten ganze Arbeit zu halben Preisen! Seit jeher stehen Hausärzte am Ende der ärztlichen Einkommensskala und scheinen sich damit demütig arrangiert zu haben. Nun sind wir aber in einem Bereich angelangt, in dem wirklich nichts mehr geht! Eine hausärztliche Praxis in Hamburg, die ca. 1000 Patienten im Quartal versorgt, erhält dafür ein Budget (ILB) von ca. 28.000,00 EURO, diese Summe kann dann noch durch extrabudgetäre Leistungen wie Vorsorgen, Impfungen, schlecht bezahlte Hausbesuche und weniges mehr aufgehübscht werden. Da aber die Patientenversorgung im Vordergrund steht und der Tag, auch für die Geldvermehrung, nur 24 Stunden hat,  sind die  Möglichkeiten auch dafür endlich.

Wir haben in Hamburg also Umsätze von ca. 35-40 EURO pro Patient und Quartal und sind damit einsames Schlusslicht aller KV Bereiche in der Bundesrepublik Deutschland!! Und es gibt genug Hausarztpraxen in Hamburg,  die selbst diese jämmerlichen Zahlen nicht erreichen!

Wir können so nicht mehr verantwortlich weiterarbeiten und mit unseren Familien auch nicht mehr wirklich von dieser Arbeit leben!

Meine Fragen dazu sind nun folgende:

Braucht Hamburg eine funktionierende hausärztliche Versorgung?

Wenn ja, wie stellen sich Politik, Kassen und KV diese künftig vor und zu welchen finanziellen Bedingungen soll hausärztliche Versorgung stattfinden? Schlicht gefragt, was sind wir und unsere Arbeit Euch wert???  Es geht bei unserer Arbeit unter den herrschenden Bedingungen schon lange nämlich auch um Respekt und Würde. Wir sind diejenigen mit dem höchsten persönlichen Einsatz, mit der größt möglichsten Nähe zu unseren Patienten und damit emotional immer involviert. Wir können nicht abschalten, weil wir mittendrin sind. Das haben wir so gewollt. Aber nicht gewollt haben wir, ständig unter finanziellem Druck zu stehen, Personal entlassen zu müssen und nicht mehr so arbeiten zu können, wie es unseren Ansprüchen entspricht.

Dabei gängeln uns die Kassen mit maßlosen Ansprüchen und mit immer mehr Bürokratie. Sie erwarten eine Rundumversorgung von uns zum Discount Preis. Wir tragen aber das alleinige Risiko, zahlen einen hohen Preis und erlösen immer weniger für unsere Arbeit.

Soweit, so schlecht.

In Hamburg gibt es nun zu allem Elend noch die besondere Situation, das die Verteilung der Kassengelder durch die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg seit mehr als 15 J. durch ein zunehmendes Ungleichgewicht zu Ungunsten der Hausärzte gekennzeichnet ist. Gleichbleibende Summen für den hausärztlichen Sektor bei steigenden Fallzahlen und entsprechender Mehrarbeit stehen Steigerungen im fachärztlichen Sektor von ca. 50% gegenüber!!!! Bei einem sowieso schon immer niedrigem Ausgangsniveau bei den Hausärzten!

Im Klartext heisst das, unter Berücksichtigung von Kostensteigerungen, Inflation bewegen sich die Umsatzeinbußen hausärztlicher Praxen in Hamburg seit 2000 bei 20- 40% Minus !!!

Der derzeitige Überschuss der gesetzlichen Krankenkassen liegt bei ca. 30 Milliarden Euro!!!!!

Wir sind nicht länger bereit dies hinzunehmen! Hamburg wird kämpfende Ärzte kennenlernen. Wir sind es unseren Patienten und uns selbst schuldig , nicht widerstandslos und stumm vor einer verhängnisvollen Entwicklung zu kapitulieren.

Hamburger, wenn Ihr uns braucht, dann zeigt es uns und Euren kranken Kassen!!!

 

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